theorie

Die Mensch-Tier-Beziehung aus herrschaftskritischer Perspektive

Hier findet Ihr den schriftlichen Teil meiner Diplomarbeit, in dem ich mich mit der Mensch-Tier-Beziehung, bzw. dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt habe. Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen. Als mögliche Auflösung dieser Problematik sehe ich die sukzessive gesamtgesellschaftliche Umwälzung hin zu einer Kultur der Herrschaftsfreiheit und Selbstorganisation.

Die Arbeit ist in 2 Teile gegliedert:

Teil_1_PDF-Download : Eine Faktensammlung zum heutigen Umgang des Menschen mit Tieren, sowie eine kurze kultugeschichtliche Betrachtung der Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung. Weiter findet ihr hier die m.E. wichtigsten Positionen zum Thema Tierethik, bzw. Tierrecht und Antispeziesismus in einer kritischen Betrachtung.

Teil_2_PDF-Download : Mein Plädoyer für einen anderen Umgang mit nicht-menschlichen Individuen und meine Perspektiven für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft.

Der Text meiner Diplomarbeit ist auch in überarbeiteter Form in meinem Katalog »mensch_tier« enthalten [und kann direkt bei mir oder im Buchhandel bestellt werden].

Gedanken von Prof. Dr. Dieter Rudolf Knoell zur Diplomarbeit des veganen Künstlers Hartmut Kiewert

Seit dem Jahr 1977 bewegt sich die Raumsonde „Voyager“ in die Tiefen des Alls, die einen Informationsträger enthält, der fernen Außerirdischen eines ebenso fernen Tages Kunde von unserem Planeten geben soll. Die extraterrestrischen Abspielgeräte, soweit vorhanden, werden der Platte keine Informationen darüber entnehmen können, dass es auf dem Planeten Erde außer Menschen auch Tiere gibt, denn diese finden keine Erwähnung. Sollten die Empfänger der Botschaft der Erde einen touristischen Kurzbesuch mit dem interstellaren Kreuzfahrtraumschiff abstatten, wären sie wohl überrascht, hier zwar Tiere vorzufinden, aber keine Menschen mehr. Und für diese Möglichkeit spricht ja einiges. In den Informationen, die jene Besucher erhalten hätten, erscheint der Mensch als die einzige Spezies, die es auf der Erde gibt. Das totale Verschweigen der Existenz des Tieres als eines Mitbewohners dieses Planeten in der Botschaft an die imaginierten Mitbewohner dieser Galaxie ließe sich im Sinne der Thesen Hartmut Kiewerts wohl als eine Manifestation totalitärer Herrschaft des Menschen über das Tier interpretieren. Dass wir dem Tier keine Bedeutung zumessen, ist sozusagen die geheime Botschaft an uns, die diese Botschaft an Außerirdische enthält. Eine erschreckende Botschaft. Aber eben auch eine mit hohem Realitätsgehalt. Das Opfertier, das Nutztier, das Haustier, das Zootier, es gibt sie zwar, aber indem wir sie benutzen und beherrschen, vergessen wir sie als Mitgeschöpfe.
Das Paradigma der Naturbeherrschung hat auch zu einem technisch-instrumentellen Verhalten im Umgang mit den Tieren geführt, die als Nutztiere zur Verfügung stehen, ergänzt mit einer emotional-affektiven Beziehung zu jenen Tierarten, die als Haustiere in Betrachtung kommen. Rupert Sheldrake hat es so formuliert: „Sie verzehren Haustierfutter oder werden dazu verarbeitet“.
Der Normalfall ist aber eben der, dass das Übertier Mensch sich zum Gott macht, der dem Tier seinen Willen aufzwingt. Indem der Mensch sich die Erde untertan gemacht hat, ist er auch zum Herrscher über die Tiere geworden.
Dieses Herrschaftsverhältnis thematisiert und problematisiert Hartmut Kiewert in seinem Text, der eine Doppelstruktur aufweist. Einer Faktensammlung von 44 Seiten steht ein argumentativer Teil gegenüber. Beide ergänzen einander optimal. Die Überschrift ‚Einige Fakten’ ist ein kaum überbietbares Understatement, denn hier ist nahezu alles ge- und versammelt an realer Brutalität und Grausamkeit gegenüber dem Tier, was man finden kann. Man möchte angesichts dessen individuell so etwas wie stellvertretende kollektive Scham empfinden. So gehen wir mit ihnen um, das tun wir ihnen an. Neben den empirischen Daten werden in diesem Teil zudem bereits die philosophischen und ideologischen Konstrukte präsentiert, die jene begleiten und sozusagen auch bekleiden, sie bemänteln, verhüllen, beschönigen, – und sie damit legitimieren.
In den abschließenden Passagen kommt jedoch die Gegenbewegung zu Wort, wird vor allem die Entstehung des Vegetarismus dargestellt. Tiere können uns ansehen, und etwas, das uns ansehen kann, sollte man jedenfalls nicht schlachten und essen. Als Vegetarier und sogar Veganer vertritt der junge Künstler diese Auffassung mit Überzeugung. Diese seine Haltung nötigt mir nicht nur Respekt ab, sondern Bewunderung, zumal wenn ich sie mit meiner eigenen vergleiche. In der Theorie strikter Vegetarier und in der Praxis ein Steak nach dem anderen, medium und mit viel Pfeffer. Noch dazu fast von jeder Fleischsorte, außer Pferd, Hund und Katze, Ratte und Mensch. Das Fleisch ist billig, und der Geist ist schwach – bzw. der Charakter, was die Fleischeslust betrifft.
Kulturelle Prägungen und zivilisatorische Deformationen haben zu Folge, dass kaum jemand in Theorie und Praxis das ethische Niveau im Verhältnis zum Tier erreicht, das Hartmut Kiewert völlig zu recht postuliert. Allerdings macht man die Erfahrung der Niveauunterschreitung und der Inkonsequenz ja fortwährend in seinem Leben, hat sich an sie gewöhnt und sich mit ihr abgefunden. Kiewerts Plädoyer ist ein Appell, sich aus dieser Lethargie zu befreien. Unter Umständen geht man aber stattdessen ans Bücherregal und holt sich wieder einmal Leszek Kolakowskis Buch ‚Lob der Inkonsequenz’ hervor. Schon scheint die Welt wieder in Ordnung. Sollte ich mich daher entschließen, irgendwann nur noch Rohkost zu essen, wäre darunter sicher z.B. auch Carpaccio vom Rind.
Nun soll hier eine vegetarismuskritische Argumentation nicht unterschlagen werden, wie sie z.B. der Primatenforscher und Paläoanthropologe Richard Wrangham vorgetragen hat. Ihr zufolge hätte es ohne Fleischkonsum und das Kochen gar keine Menschheitsentwicklung gegeben und wäre der künftige Übergang zur Rohkost gewissermaßen artenunspezifisch. Unser Vorfahr, der Homo erectus, habe vor 1,8 Millionen Jahren die prinzipielle Entscheidung für das Essen auch von gekochtem Fleisch vorgegeben. Physiologie, Psychologie und Soziologie des Menschen könnten von dieser Tatsache nicht absehen. Kleiner Mund, schwache Kaumuskeln, kleine Mahlzähne und ein stark verkürzter Dickdarm passten nicht zu einem Rohkostler. Und auch andere Wissenschaftler meinen, man sehe es schon unserem Gebiss an, dass wir auch gerne Fleisch essen.
Müssen wir Hartmut Kiewerts Text gelesen haben oder gar seine Auffassung teilen, um seine  Bilder adäquat sehen, sie verstehen und schätzen zu können? Eine offene Frage. Wie dem auch sei, es wäre vielleicht gar nicht schlecht, träte seine Diplomarbeit demnächst in elektronischer Form ihre Reise in die kosmischen Weiten an. Wir erschienen dann eines fernen Tages den außerirdischen Betrachtern in etwas günstigerem Licht, weil sie wüssten, dass wir unsere Schattenseiten doch wenigstens kritisch beleuchtet haben. Und die Tiere, wie gesagt, werden hier vielleicht schon auf sie warten.

Ein Kommentar auf “theorie
  1. k henschler sagt:

    1a hartmut!