Ausstellung in Hamburg: fleisch macht herrschaft

oder solange es schlachthäuser gibt, wird es auch schlachtfelder geben

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Einzelausstellung im Celsius 13, Hamburg (www.on-off-artprojects.de)

geöffnet: täglich, außer Mo, 16. bis 29. Juni + 02., 03., 04 Juli, 15 – 20 Uhr und nach Vereinbarung

Am Sonntag, den 04. Juni,  19 Uhr: Finissage

Dies war die letzte Ausstellung in der ehemaligen Wurstfabrik im Celsius 13.

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Hartmut Kiewert

FLEISCH MACHT HERRSCHAFT

Der Moment des totalen Zugriffs auf den Körper durch Gewalt ist der Moment der Ausübung absoluter Macht.

So steht einerseits das Verzehren von Fleisch auch heute noch als Symbol der Herrschaft und als Metapher für diesen totalen Zugriff. Andererseits wird de facto ein Leben ausgelöscht, also Macht in ihrer extremsten Form angewendet, um sich Teile des Tierkörpers einzuverleiben.

Die über Jahrhunderte in die menschliche Kultur eingeschriebene radikale Trennung zwischen Mensch und Tier bringt eine Gewaltförmigkeit zu Tage, welche in ihrer Quantität zu keiner Zeit solch astronomische Ausmaße besaß wie heute.

Der Geist-Materie-Dualismus ist tief in unserem Denken verankert. Er trennt in eine geistig-vernünftige und eine körperlich-triebhafte Sphäre und spielt eine wesentliche Rolle bei der Legitimation des gewaltförmigen Umgangs des Menschen mit nicht-menschlichen Lebewesen.

Lebewesen werden hierarchisch in die Kategorien vernunftbegabt und instinktgesteuert, höherwertig und niederwertig eingestuft. Tiere sind nach diesem Verständnis keine eigenständigen Subjekte, sondern nur Objekte und können so beliebig im Dienste des Menschen zu unterschiedlichsten Zwecken als Ressourcen ge- und verbraucht werden.

Sie werden zumeist gar nicht als Individuen mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Interessen wahrgenommen. Sie werden zu Abermillionen eingesperrt und nach den Interessen der Menschen zu- und hingerichtet.

Die Interessen der Tiere werden unterdrückt. Das Verhältnis vom Menschen zum Tier ist ein Herrschaftsverhältnis.

Der Mensch konstruiert durch das Abwerten des Tieres bzw. des Fremden seine eigene Höherwertigkeit. Unsere Kultur ist durch eine Hierarchie geprägt, an deren Spitze der weiße, gesunde, männliche Mensch steht und an deren Ende das der Ausbeutung und freien Verfügbarkeit preisgegebene Tier.

Dabei wird nach der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht nur die Natur zum Untertan gemacht. Sondern auch die als animalisch geltenden, nicht erwünschten Anteile im Menschen selber werden unterdrückt, bzw. als barbarisch, primitiv oder verweichlicht und gefühlsduselig abgetan.

So lassen sich auch interhumane Unterdrückungsverhältnisse legitimieren, indem unterdrückte menschliche Gruppen in den Bereich des Animalischen, des Unvernünftigen projiziert werden. So wurden und werden z. B. Frauen oder Menschen, die einer so genannten anderen „Rasse“ zugeordnet werden, als weniger wertvoll betrachtet. Sie sind also bedenkenloser ausbeutbar. Die durch Eigentums- und Machtverhältnisse festgelegte geselschaftliche Position wird als quasi „natürliche“ Rolle uminterpretiert. Die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse werden verschleiert.

Zugleich baut sich an dieser Denkfigur auch ein Freund/Feind- oder Gut/Böse-Schema auf, das die eigene hegemoniale Stellung bestätigen soll. Die eigenen negativen Eigenschaften werden in das Fremde projiziert und können dort als Manifestationen des Bösen bekämpft und ausgelöscht werden.

So lassen sich auch Kriege im Namen Gottes, im Namen der Nation, im Namen der Demokratie oder sonst einer Ideologie gegen Hexen, den Kommunismus, den Terror oder das Böse führen. Dass die eigenen Grenzen, Gefängnisse und Bomben nicht weniger Terror sind, fällt dann nicht mehr weiter auf.

Die antrainierte Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid, das wir den Tieren zufügen, ist so gesehen eine Abhärtung gegen ein „verweichlichtes“ Mitgefühl. Mitgefühl könnte aber die Verlogenheit der eigenen Argumentation in Bezug auf Feindbilder oder Unter­drückungsstrukturen durchbrechen. Auf dem Teller wird in gewisser Weise permanent der Ernstfall in Uniform geübt.

Max Horkheimer schreibt hierzu 1959 in „Das Recht der Tiere“:

Zwischen der Ahnungslosigkeit gegenüber den Schandtaten in totalitären Staaten und der Gleichgültigkeit gegenüber der am Tier begangenem Gemeinheit, die auch in den freien (Gesellschaften)existiert, besteht ein Zusammenhang. Beide leben vom sturen Mittun der Massen bei dem, was ohnehin geschieht.“

Die Frage nach der Perspektive für ein gutes Leben der Menschen ist m. E. nicht von der spezifischen Sichtweise auf „das Tier“ zu trennen. Gerade auch weil die industrielle Tierproduktion äußerst negative ökologische und soziale Auswirkungen hat.

Nach Michel Foucaults Machtanalyse hat der Staat deshalb Bestand, weil es bestimmte Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Erwachsenem und Kind und – hinzu­zufügen – zwischen Mensch und Tier gibt. Herrschaft ist demnach nicht eindimensional, sondern vielschichtig und vernetzt. Die Veränderung der bestehenden Verhältnisse kann nur auf der Ebene der alltäglichen Praxis geschehen. Sie muss in den unmittelbaren Beziehungen der Individuen untereinander ansetzen.

In Bezug auf Tiere heißt dies zunächst ganz einfach, auf den Konsum jeglicher Produkte, welche durch die Ausbeutung von Tieren entstanden sind, zu verzichten.

Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben“

Leo Tolstoi

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Ein Kommentar zu “Ausstellung in Hamburg: fleisch macht herrschaft
  1. Margarethe Biss sagt:

    Danke für diese großartige Ausstellung!

    Sie malen so, dass jedes Bild etwas berührt, Gedanken, Gefühle und Geschichten auslöst, die bekannte Ordnung durcheinander bringt oder schon angedachtes weiterdenken lässt.
    Und wenn mensch ihre Texte liest, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Sie analysiersen die Welt so, dass es jeder verstehen muss, der ein bisschen Verstand in seinem Kopf und noch ein bisschen Gefühl im Herzen hat.
    Keiner kann aus dieser Austellung gehen, ohne weiter zu denken, ohne sein eigenes Verhalten zu überdenken – auf Tiere und auch auf Menschen bezogen.

    Auch wenn die Leute sich lieber Blumen und niedliche Tierbabies an die Wände hängen um wenigstens Zuhause die Idylle der guten Welt aufrecht zu erhalten wird irgendwann ihr Durchbruch kommen
    … und dann kann ich sagen, dass ich schon eine der ersten Ausstellungen des großartigen H. Kiewert gesehen habe 😉

    ich wünsche ihnen, dass sie gesehen, gelesen und gehört werden. Dass noch viele Ausstellungen folgen, in den großen Museen dieser Welt, damit die Menschen verstehen und handeln, bevor sie sich selbst zugrunderichten können.

    bewundernde Grüße
    Margarethe Biss

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