ZUsammenKUNFT DER SPEZIES / Mannheimer Kunstverein

Ich freue mich sehr auf meine nächste große Einzelausstellung „Hartmut Kiewert – ZUsammenKUNFT DER SPEZIES“ vom 6. September bis 8. November 2026 im Mannheimer Kunstverein. Zur Eröffnung am 6. September wird Jessica Ullrich sprechen. Es wird ein kleines Rahmenprogramm geben und zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.

„Kunst kann helfen, unsere Welt besser zu verstehen. Besonders die figurative Malerei zeigt, wie wir Menschen Dinge sehen und erleben. Sie nimmt sich Zeit – und lädt auch uns ein, langsamer zu schauen. Die Bilder von Hartmut Kiewert sind ruhig und klar aufgebaut. Sie wirken nicht laut oder dramatisch. Stattdessen entfalten sie ihre Kraft langsam. Wer hinschaut, entdeckt immer mehr.

Im Mittelpunkt steht das Zusammenleben von Menschen und Tieren. Beide begegnen sich auf Augenhöhe. Keiner ist wichtiger als der andere. So entsteht ein Bild von Gleichwertigkeit und gemeinsamer Existenz. Hartmut Kiewert verzichtet auf starke Gefühle oder eindeutige Geschichten. Seine Figuren bleiben ruhig, fast zurückhaltend. Gerade dadurch entsteht eine besondere, friedliche Stimmung.

Seine Haltung zeigt sich auch in seiner Arbeitsweise: Er lebt vegan und verwendet keine tierischen Materialien. Kunst und Leben gehören für ihn zusammen. Die Ausstellung im Mannheimer Kunstverein lädt dazu ein, genau hinzusehen – und die eigene Sicht auf die Welt zu überdenken.“

– Mannheimer Kunstverein

Eröffnung
Sonntag, 06. September 2026, 17 Uhr
zur Eröffung spricht Prof. Dr. Jessica Ullrich

Picknick und Protest
16. September, 19 Uhr
Hartmut Kiewert im Gespräch mit der Tierethikerin Hilal Sezgin

Ausstellungsdauer
06. Septmeber – 08. November 2026

Ort
Mannheimer Kunstverein e.V.
Augustaanlage 58
68165 Mannheim

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog (120 S./Hardcover/Fadenheftung) zum Preis von 15.- Euro

Öffnungszeiten
Montag: geschlossen
Dienstag – Sonntag: 12 Uhr – 17 Uhr
Mittwoch: 14 Uhr – 19 Uhr

Eröffnungsrede von Prof. Dr. Jessica Ullrich

Liebe Gäste,
auch ich freue mich sehr, Sie heute zur Eröffnung dieser Ausstellung begrüßen zu dürfen und ein paar Worte zu Hartmut Kiewerts Bildern sagen zu dürfen.

Wenn wir durch die Ausstellung mit Bildern von Hartmut Kiewert gehen, begegnen wir einer Welt, die uns zugleich vertraut und fremd erscheint. Vertraut, weil wir ganz naturgetreu gemalte Landschaften, Wohnräume und Stadtlandschaften erkennen, hier etwa den Ernst-Reuter-Platz in Berlin. Fremd, weil diese Orte anders bevölkert sind als die Welt, die wir gewohnt sind. Kühe liegen auf Sofas, die Verkehrswege möblieren und Schweine auf Straßenkreuzungen. Menschen sitzen mit Hühnern, Schweinen oder anderen Tieren beim Picknick zusammen. Tiere aller Art halten sich ganz selbstverständlich in urbanen Räumen auf. Sie treten als gleichberechtigte Mitbewohner*innen einer geteilten Welt auf. Die Ordnung, die wir für selbstverständlich halten, scheint hier verschoben zu sein.

Wir leben in einer Kultur, die sich über Jahrhunderte daran gewöhnt hat, die Welt in Gegensätze aufzuteilen: Mensch und Tier. Kultur und Natur. Zivilisation und Wildnis. Wir haben gelernt, uns selbst als getrennt von den anderen Lebewesen zu betrachten. Die Bilder von Hartmut Kiewert erinnern uns aber daran, dass wir nie außerhalb der Natur standen. Dass wir dieselbe Luft atmen wie andere Tiere. Dass wir dieselbe Erde teilen. Dass kein Leben für sich allein existiert.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir mit anderen Arten zusammenleben. Das tun wir. Die entscheidende Frage lautet: Wie wir mit anderen Arten zusammenleben. Niemand ist eine Insel – wie man so schön sagt. Und Hartmut Kiewert wählt nun diese Verkehrsinsel, einen eigentlich lebensfeindlichen Ort als Ort der „Zusammenkunft der Arten“.

Im Wort „Zusammenkunft“ liegt ein anderes Wort verborgen liegt: Zukunft. Und vielleicht ist das tatsächlich der Kern dieser Bilder. Sie erzählen davon, wie eine gemeinsame Zukunft von Menschen und anderen Tieren aussehen könnte. Eine Zukunft, die nicht auf Herrschaft beruht, sondern auf Beziehung. Nicht auf Ausbeutung, sondern auf Teilhabe. Nicht auf Trennung, sondern auf Verbundenheit.

„Zusammenkunft der Arten“ verweist auch darauf, dass unsere Zukunft, wenn wir denn eine haben wollen, immer eine gemeinsame mit den anderen Arten sein muss.

Dabei fügen sich Hartmut Kiewerts Gemälde durchaus in die Geschichte von Utopiedarstellungen, die meist die Funktion hatten, gesellschaftliche Alternativen sichtbar zu machen – vor dem Hintergrund einer oft ungerechten und für viele sogar unerträglichen Gegenwart. Und die meisten sogenannten Nutztiere leben heute in unerträglichen Verhältnissen.

Es fällt auf, dass in Hartmut Kiewerts Arbeiten vor allem jene Tiere auftreten, die wir im Alltag am wenigsten sehen – zumindest als lebendige Wesen. Er malt nicht die charismatische Megafauna, sondern Schweine, Kühe und Hühner. Jene Tiere also, die in unserer Gesellschaft millionenfach gehalten, ausgebeutet und getötet werden. Tiere, die meist als Produkte erscheinen, nicht als Individuen. In Hartmut Kiewerts Bildern erhalten sie ihre Individualität zurück. Sie tragen Namen. Sie haben Charakter. Sie werden sichtbar.

Darin liegt ein politischer Akt. Denn Sichtbarkeit ist niemals neutral. Wer als Individuum sichtbar wird, kann nicht länger als bloße Ressource, als Ware oder statistische Größe verstanden werden. Hartmut Kiewert entzieht die Tiere ihrer ehemaligen Verwertungslogik und zeigt ihren inhärenten Wert.

Dazu trägt bei, dass er sie immer wieder aus dem Bild herausblicken lässt. Sie konfrontieren uns ganz direkt. Und wer uns anschaut, wird zum Gegenüber, behauptet seine Präsenz und lässt sich nicht mehr vollständig zum Objekt machen. Plötzlich befinden wir uns nicht länger in der Position derjenigen, die betrachten. Wir werden selbst betrachtet – etwa von dieser Katze, diesem Huhn, dieser Kuh. Und dieser Moment erinnert uns daran, dass andere Lebewesen ihre eigene Perspektive auf die Welt haben, ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigenen Interessen.

Kunsthistorisch betrachtet ist das ein bemerkenswerter Vorgang. Die europäische Bildgeschichte ist über Jahrhunderte hinweg anthropozentrisch organisiert gewesen. Tiere waren zwar allgegenwärtig – in Jagdszenen, Stillleben, religiösen Darstellungen oder Genrebildern –, doch meist dienten sie dazu, etwas über Menschen zu erzählen.

In Hartmut Kiewerts Bildern verschiebt sich diese Ordnung. Die Tiere sind keine Symbole, keine Allegorien, kein Hintergrunddekor, sondern Subjekte, nichtmenschliche Personen, auf derselben Ebene wie die menschlichen Protagonist*innen, und das auch kompositorisch: Sie begegnen uns oft ganz wörtlich auf Augenhöhe.

Damit berühren seine Arbeiten eine der spannendsten Fragen gegenwärtiger Kunst- und Kulturwissenschaften: Wie verändert sich unser Blick auf Geschichte, auf Politik und auf Kunst, wenn wir Menschen nicht länger als die einzigen relevanten Akteur*innen verstehen? Wie erzählen wir eine Welt, in der viele Arten gemeinsam Geschichte machen?

Hartmut Kiewerts Bilder geben darauf malerische Antworten. Dabei arbeiten sie nicht mit moralischem Zeigefinger. Hartmut Kiewert zeigt keine Schreckensbilder und dokumentiert keine Gewalt, obwohl die Realität, auf die er sich bezieht, zutiefst gewaltförmig ist.

Stattdessen entwirft er etwas anderes: Möglichkeiten. Möglichkeiten eines anderen Zusammenlebens, einer anderen Gesellschaft und einer anderen Zukunft.

Das geschieht beispielsweise in den Straßenszenen, die sich wie hier oft auf Kreuzungen abspielen. Wenn wir an einer Wegkreuzung stehen, können wir uns entscheiden, welchen Weg wir einschlagen wollen. In dieser Situation befinden wir uns alle jeden Tag erneut – u.a. angesichts des unsäglichen Leids, das wir Tieren jeden Tag durch unseren Lebensstil bereiten. Hartmut Kiewert schlägt einen geradezu radikalen neuen Weg vor, auch indem er Straßen das gewalttätige Potential nimmt, das sie für viele Tiere haben.

Denn Straßen sind oft Orte des kapitalistischen Warentransports, der Beschleunigung, der Automobilität. Straßen zerschneiden Lebensräume, Straßenverkehr trägt genau wie sogenannte Nutztierhaltung zum Klimawandel bei (vielleicht lässt sich ein Hinweis auf die globale Erwärmung auch in den sonnendurchfluteten Szenerien und Palmen am Ernst-Reuter-Platz finden) und Straßen bzw. Autos fordern jeden Tag unzählige Tierleben – etwas was auch Harmut Kiewert selbst bereits leidvoll erleben musste. Auf seinen Gemälden aber wird die Infrastruktur des Verkehrs zur Infrastruktur der Begegnung. Autos sieht man keine. Stattdessen sitzen Menschen und Tiere gemeinsam auf dem Asphalt. Sie verweilen, ruhen und genießen die Gemeinschaft.

Und auch das ist eine politische Botschaft dieser Arbeiten. Denn unsere Gegenwart ist geprägt von Beschleunigung und Produktivität. Von dem ständigen Gefühl, etwas leisten zu müssen. In Hartmut Kiewerts Bildern dagegen wird der Müßiggang zu einer Form des Widerstands. Die Menschen und anderen Tiere auf den Bildern produzieren nichts. Sie arbeiten nicht. Sie erfüllen keinen Zweck. Sie sitzen beieinander und verbringen Zeit miteinander.

Das geschieht auch in den Bildern eines gemeinsamen Picknicks, das auf vielen Bildern auftaucht. Gemeinsam essen gehört zu den ältesten Formen des sozialen Miteinanders. Es stiftet Beziehungen. Das Teilen des Brotes, schafft schon wortgeschichtlich Gefährtenschaft: Companion animals, Kumpantiere kommt von ‚cum pane‘: mit Brot.

In diesem Zusammenhang erscheint mir auch das Medium der Malerei bedeutsam. Die Malerei besitzt die besondere Fähigkeit, Zeit zu verlangsamen. In einer Gegenwart, die von digitalen Bildern, sozialen Medien und permanenter Aufmerksamkeit geprägt ist, verlangen Gemälde etwas anderes von uns, nämlich Dauer, Konzentration und Anwesenheit. Die Bilder handeln nicht nur von Entschleunigung, von Fürsorge und von Beziehungen, sondern sie tun dies in einem Medium, das selbst Entschleunigung erzeugt und auf Anwesenheit besteht. Die Bilder zeigen so nicht nur eine andere Form des Zusammenlebens, sondern verlangen auch eine andere Form des Sehens.

Zudem appellieren sie direkt an unsere Imagination. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst: Vorstellungsräume zu öffnen, Räume, in denen wir ausprobieren können, wer wir sein könnten, wie wir leben könnten und welche Welt wir gemeinsam hervorbringen wollen.

Dabei beschränkt sich die Vision dieser Bilder nicht auf das Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren. Wer genau hinsieht, entdeckt zahlreiche Hinweise auf andere soziale Bewegungen. Z.B. auf Klimaproteste, auf antirassistische Kämpfe, auf queerfeministische Perspektiven und auf den Wunsch nach einer gerechteren, solidarischeren Gesellschaft insgesamt. Man sieht beispielsweise eine Person in einem aufblasbaren Froschkostüm, was auf die „Portland Frog Brigade“ hinweist, die seit dem letztem Jahr gegen ICE und die US-amerikanische Abschiebepolitik protestiert.

Die Kritik an der Ausbeutung von Tieren ist das wichtigste Thema der Bilder, aber erscheint nicht als isoliertes Motiv. Sie ist verbunden und verwoben mit anderen Gerechtigkeitsbewegungen. Die Bilder erinnern so daran, dass Speziesismus, Rassismus, Sexismus und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen nicht getrennt voneinander entstehen, sondern auf verwandten Logiken von Herrschaft, Ausgrenzung und Ausbeutung beruhen.

Die Schriftstellerin Arundhati Roy hat einmal gesagt: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich. Sie ist auf dem Weg. An einem stillen Tag kann ich sie atmen hören.“ Und genau diese Erfahrung kann man in den Bildern von Hartmut Kiewert machen. In unserer krisenhaften Gegenwart, die von Ausbeutung, Gewalt, Kriegen, politischer Polarisierung und ökologischer Zerstörung geprägt ist, in einer zutiefst beschädigten Welt also, die uns täglich genug Gründe für Pessimismus liefert, machen Hartmut Kiewerts Bilder Hoffnung. Das tun sie, indem sie in großer malerischer Virtuosität, konzeptueller Komplexität, materieller Konsequenz und ethischer Integrität auf den Ruinen der alten Weltordnung radikal-optimistische Gegenbilder ausmalen. Sie laden uns ein, uns andere, nicht gewalttätige Formen des Umgangs miteinander und mit den anderen Tieren vorzustellen.

Die Utopien, die Hartmut Kiewert ausmalt, befinden sich gesellschaftlich und gedanklich noch im Entwurfszustand. Dieses Non-finito, Unfertige, Offene spiegelt sich auch in den Bildmotiven. Die Baustellenzeichen, die halb überwucherten Straßen, die Ruinen und Übergangszustände führen uns vor Augen, dass Zukunft etwas ist, das aktiv hergestellt wird und hergestellt werden muss. Darin liegt eine politische Qualität: Die Bilder laden uns nicht nur dazu ein, uns vorzustellen, dass die Welt auch anders sein könnte, sie fordern uns auch dazu auf, eine bessere Welt für die anderen Tiere mitzugestalten.

Ich wünsche Ihnen viele anregende Begegnungen mit diesen Bildern, mit den Tieren, die uns aus ihnen ansehen, und vielleicht auch mit einigen neuen Gedanken über unsere gemeinsame Zukunft. Wenn Sie nah genug herantreten, können Sie in den Gemälden eine andere Welt tatsächlich bereits atmen hören.

laufende und kommende Ausstellungen


06.09. – 08.11.2026
Hartmut Kiewert – ZUSAMMENKUNFT DER SPEZIES
Mannheimer Kunstverein

20.08. – 15.11.2026
urbs animalis
Künstlerverein Walkmühle e.V., Wiesbaden

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„Es geht darum, ein neues Zusammenleben mit den anderen Spezies zu ermöglichen. Und die Hoffnung lautet, dass da, wo man alte Formen des Unrechts weglässt, neue Formen eines besseren Miteinanders von Menschen und Tieren entstehen.

― Hilal Sezgin